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Verteufelt gut

Expeditionen ins Reich der verbotenen Genüsse

Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783896673466
Sprache: Deutsch
Umfang: 447 S.
Format (T/L/B): 4.1 x 22 x 14.8 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

"Eine schmackhafte und schlagkräftige Betrachtung der psychologischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekte von Verboten." Publishers Weekly "So lebendig und unterhaltsam, dass man nach Luft schnappt." The New York Times ?Grescoe begreift Genussmittel nicht als Weg, sich einer anderen Kultur näher zu bringen, sondern als Weg, herauszufinden, wie diese andere Kultur versuchen könnte, ihn umzubringen.? New York Sun

Autorenportrait

Taras Grescoe, Jahrgang 1966, ist Journalist und Sachbuchautor, seine Reportagen und Essays erscheinen in der "New York Times", "National Geographic", "Men?s Health" u. a. Für sein literarisches Porträt von Quebec, ein Bestseller in Kanada, erhielt er 20

Leseprobe

Vergangenes Jahr wagte ich einen Flirt mit dem Teufel - ein riskantes Unterfangen, hatte er mich doch in der Vergangenheit durchaus schon auf Abwege gebracht. Trotzdem glaube ich, dieses Abenteuer unbeschadet überstanden zu haben. Ich trank also Absinth in den Schweizer Alpen und schaute in den Anden zu, wie aus den Blättern des Cocastrauches Kokain hergestellt wird. Ich schmuggelte Kaugummi und Pornografie nach Singapur und paffte in San Francisco echte kubanische Zigarren. Und ich habe recht verwerfliche Souvenirs mit nach Hause gebracht. Sobald der letzte Schnee geschmolzen ist, werde ich diese Reiseandenken zusammenpacken und ein paar meiner besten Freunde zu einem Picknick in den Bergpark inmitten meiner Heimatstadt einladen - in den Park mit dem riesigen katholischen Gipfelkreuz. Wir werden uns ein Fleckchen suchen müssen, das die berittenen Polizeistreifen von den Parkwegen aus nicht einsehen können, denn unser Picknickkorb soll lauter Dinge enthalten, die von den Gesetzgebern der zivilisierten Welt verunglimpft, verteufelt und verboten wurden. Als Aperitif will ich meinen Gästen einen gut 90-prozentigen Schwarzgebrannten aus Norwegen servieren. Anschließend gibt es berauschende, in Singapur streng verbotene Mohnkekse, bestrichen mit einem übelriechenden, fünf Wochen gereiften Epoisses - jenem Rohmilchkäse, dem zwei Todesfälle durch Listeriose zugeschrieben werden. Als Hauptgericht stehen zwei Delikatessen zur Wahl, die ich in Spanien kennengelernt habe: ein Schmorgericht aus Glasaalen, die mit einer Tabakinfusion getötet wurden, und ein Ragout aus Stierhoden mit reichlich Knoblauch. Zur Neutralisierung des Gaumens offeriere ich direkt aus Fidel Castros roter Insel-Utopie mitgebrachte Cohiba-Zigarren, die die Luft verpesten und die Lunge strapazieren. Als Digestif gibt es einen bläulich-trüben Absinth, dem nachgesagt wird, hin und wieder epileptische Anfälle auszulösen. Er stammt aus einer geheimen Destillerie in einem Schweizer Tal, wo man die Hauptzutat Wermut schon seit dem 18. Jahrhundert anbaut. Zum Dessert genießen wir reinste baskische Schokolade, wie sie der Marquis de Sade liebte: innen schwarz. wie der rußgeschwärzte Arsch des Teufels, mit einer Prise Chili gewürzt. Als Seelentröster und zur geistigen Anregung werde ich noch eine Thermoskanne Cocablättertee mitnehmen - eines der ältesten Rauschmittel der Menschheit, das die Gefolgsleute der amerikanischen Drogenbehörde DEA weltweit auszurotten versuchen. Das einzige Souvenir, das ich weder anbieten kann noch will, ist Natrium-Pentobarbital. Dieser Trank ist das Ziel todkranker Suizid-Touristen, die in der Absicht, der Qual ihres Lebens ein Ende zu bereiten, nach Zürich fliegen. Ein höllisches Frühstück im Grünen also, bei dem jeder einzelne Gang geeignet ist, Sicherheitsfanatiker, Moralapostel, Unschuldsengel und Angsthasen mächtig zu brüskieren. Ich bin gespannt, wer mutig genug ist, bis zum Schluss dabei zu bleiben. Glücklicherweise gibt es in meinem Freundeskreis nicht allzu viele Puritaner. Die meisten sind - ganz im Gegenteil - ziemlich tolerant und aufgeschlossen. Das trifft sich gut, besagt doch ein englisches Sprichwort: An open mind is the devil'spicnic. Was so viel heißt wie: Bei Neugierigen hat der Teufel leichtes Spiel. Was man nicht bekommt, will man haben. Das ist ganz einfache Psychologie. Nimmt man einem Kleinkind den Schnuller, Teddy oder Lutscher weg, erleidet es einen Wutanfall. Verweigert man ihm etwas, das es noch nicht kennt (ein neues Spielzeug, eine noch nie probierte Süßigkeit, die neueste Disney-DVD), will es plötzlich nichts anderes mehr haben, verweigert das Essen und plappert nur noch von dem einen. Eltern kennen dieses Phänomen. Auch babysittenden Teenagern ist es vertraut. Ältere Geschwister wissen damit umzugehen - und nutzen es gekonnt aus. Regierungen hingegen scheinen davon noch nie etwas gehört zu haben. Generation für Generation wird den Bürgern der Zugang zu bestimmten Produkten und Substanzen mit der Begründu Leseprobe