0

Goethe im Baumarkt

Wenn Weltliteraten heimwerken müssten

Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783896673909
Sprache: Deutsch
Umfang: 143 S., 14 farbige Illustr.
Format (T/L/B): 1.5 x 17.1 x 13.2 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Aber gegen einen Schlagbohrer sieht sie alt aus. Während unser Weltkulturerbe langsam zerbröselt, schießen Baumarktriesen wie Pilze aus dem Boden, vergeht kein Fernsehabend ohne Heimrenovierungssendung. Was würde passieren, wenn sich Weltliteraten nicht nur um das schöne Wort, sondern auch um die alten Badezimmerkacheln und die neue Blümchentapete kümmern müssten? Mark Crick malt es sich aus. In 14 genialen Parodien konfrontiert er unsterbliche Poeten mit den profanen Problemen des Heimwerkens. Die Wanne des jungen Werther benötigt, frei nach Goethe, dringend Dichtungskitt; mit Hemingway'schem Todesmut kämpft ein alter Mann gegen die Blümchentapete. Bei Jean-Paul Sartre spüren wir die Verzweiflung des Menschen, der kein Abflussfrei zur Hand hat, und das Montieren eines Lichtschalters gerät dank Elfriede Jelinek zum erbitterten Protest des schwachen Geschlechts gegen übergriffige männliche (Elektroniker-)Hände. Diese unerhörte Renovierungsrevue ist mit praxisnahen Erläuterungen zu Werkzeug- und Materialbedarf versehen und mit Cricks sagenhaften Fälschungen großer Künstler von van Gogh bis Picasso illustriert. Alle 14 Geschichten kosten die enorme humoristische Fallhöhe zwischen dem Dichterolymp und dem Linoleumboden der Tatsachen voll aus und sind selbst dann entwaffnend komisch, wenn sich bei manchem Meister eine Bildungslücke (Ausspachteln!) offenbaren sollte. Ein dreistes Geschenkbuch voll kreativer Feinarbeiten, das Lust auf Literatur und Mut im Do-It-Yourself- Zeitalter macht.

Leseprobe

Der alte Mann hatte zwei Tage und Nächte durchgearbeitet, um die alte Tapete abzureißen, und jetzt, am Morgen des dritten Tages, wartete die Wand auf die neue Tapete, und er war müde. Seine Handflächen trugen Blasen vom stundenlangen Kratzen, und die Blasen hatten zu nässen angefangen. Der alte Mann spürte den Schmerz in den Händen, als er noch einmal die leeren Wände des Zimmers betrachtete. "Zimmer, du bist groß. Aber ich werde die trabajo zu Ende führen, die ich angefangen habe", sagte er, "und wenn ich daran zugrunde gehe." Der alte Mann hielt die Schnur vorsichtig in der rechten Hand. Er fädelte ihr Ende durch die Öse in dem Senkblei und verknotete es, damit es nicht aus dem Gewicht herausrutschen konnte. Das Stück Blei wog jetzt schwer in seiner Hand, und der alte Mann hielt die Schnur höher, damit es den Boden nicht berührte und die Schnur straff und senkrecht blieb. Jetzt war er bereit. Mit der rechten Hand die Schnur zwischen Daumen und Zeigefinger festhaltend, mit den Fingern der linken Schnur nachlassend, beide Hände erhoben, erklomm der alte Mann die Leiter und drückte die Schnur an die Wand, vor der sie schwang wie das Pendel einer Standuhr. Jede Schwingung ließ ihn den Zug des Senkbleis spüren, und er wartete geduldig. "Es verliert an Schwung, gleich hat es ausgeschwungen und dreht sich nur noch", dachte er. Er spürte, wie das Gewicht zur Ruhe kam, und sah die Schnur senkrecht zwischen Himmel und Erde hängen, und jetzt zog der alte Mann den Bleistift hinterm Ohr hervor und zeichnete neben der Schnur eine Markierung an die Wand. Überall schienen Holz und Gips durch die braune Wand, und der alte Mann zog seinen Strich von der Decke bis zur Bodenleiste. Während er ihn zog, stieg er Sprosse um Sprosse nach unten, aber immer hielt er die Schnur dicht an der Wand. Dann lud der alte Mann sich die erste Tapetenrolle auf die Schulter, trug sie zum Tapeziertisch hinüber und entrollte die Tapete mit dem Muster nach unten auf der hölzernen Tischplatte. Beim Ausrollen beugte er sich so tief hinunter, Arme gestreckt, Handflächen nach oben, dass sein Gesicht die Oberfläche berührte. Mit zwei Holzlatten, eine der Länge nach, die andere quer ausgelegt, hinderte er die Tapete daran, sich wieder einzurollen. Er kletterte wieder auf die Leiter, um mit einem Maßband die Höhe der Wand von der Decke bis zur Bodenleiste auszumessen. Er trug Schuhe mit geflochtener Sohle, dunkle Hosen und ein altes Hemd. Das Hemd war geflickt und ausgebleicht, es ähnelte der Wand. Am Tapeziertisch klappte er sein Taschenmesser auf und schnitt die erste Bahn fünf Zentimeter länger, als die Wand hoch war. "Lieber würde ich die lange Tapezierschere nehmen", dachte der alte Mann. "Aber was hat es für einen Sinn, über etwas nachzudenken, das nicht da ist. Ich darf nur über das nachdenken, was da ist." Die Bahn war länger als der Tapeziertisch, und der alte Mann spannte an einem Ende des Tisches ein Stück Bindfaden um die Beine und schob das Ende der Tapete unter den Faden, damit es nicht wegrutschen konnte. "Ich bin ein alter Mann", dachte er, "aber ich kenne viele Kniffe, und mein Wille ist stark." Den Kleister hatte er lange vorher angerührt, und jetzt hob der alte Mann den feuchten Lappen an, den er über den Eimer gedeckt hatte, damit der Kleister nicht trocknete, und begann den Kleister auf der Tapete zu verteilen. Er zog die Papierkante an die vordere Tischkante, um den vorderen Rand der Tapete einzukleistern, dann schob er den hinteren Rand an die hintere Tischkante und kleisterte auch ihn ein; auf diese Weise blieb der Tisch sauber. Jetzt nahm er zwei Ecken der Bahn zwischen Daumen und Zeigefinger und faltete fast einen halben Meter Tapete wieder auf sie selbst zurück, Kleister auf Kleister, dann Muster auf Muster, und so weiter, bis aus der ganzen Tapetenbahn eine concertina geworden war. Er legte die Falze lose aufeinander, um das Papier nicht zu knicken; der schleimartige Kleister quoll ihm glitschig zwischen den Fingern hervor. Er wusste, oh Leseprobe