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Nur keine Sentimentalitäten!

Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783896674067
Sprache: Deutsch
Umfang: 384 S., 251 farbige Illustr.
Format (T/L/B): 2.7 x 22.7 x 15 cm
Auflage: 3. Auflage 2010
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Grau und miefig war es im Deutschland der 50er-Jahre - bis Dr. Erika Fuchs kam, und mit ihr Donald Duck. Die höhere Tochter und Kunsthistorikerin war nach heutigen Einstellungskriterien als Chefredakteurin von Micky-Maus-Heftchen überqualifiziert, aber Frau Fuchs war der festen Überzeugung, dass man für die Übersetzung von Comics nicht gebildet genug sein konnte. So brachte sie nicht nur Farbe und Witz in die tristen Nachkriegskinderzimmer, sondern bewirkte wahrscheinlich mehr für die deutsche Sprachkultur als viele hochdekorierte PEN-Mitglieder. Ihr Einfluss im alltäglichen Sprachgebrauch und in der Popkultur ist bis heute enorm: egal ob dem 'Ingeniör nichts zu schwör' ist, wir über den 'großen Lauschangriff' diskutieren oder Jugendliche elterliche Vorgaben mit 'würg, röchel' kommentieren.Humorvoll und reich bebildert beweist dieses Buch Kapitel für Kapitel, wie viel Entenhausen in Deutschland steckt - und umgekehrt: Von der Küche über die Literatur und den Schlager bis hin zu unserem Verhältnis zu fremden Kulturen ist Erika Fuchs' Werk ein Spiegel deutscher Befindlichkeit. Nur keine Sentimentalitäten! ist somit die fröhlichste kleine Kulturgeschichte, die man sich denken kann.

Autorenportrait

Ernst Horst, geb. 1951 in Oberhessen, verwandt mit Johann Wolfgang von Goethe, Studium der Mathematik, diverse Veröffentlichungen über Stellardynamik, geprüfter Sachkundiger für Getränkeschankanlagen, seit 1993 freier Mitarbeiter beim Feuilleton der FAZ. Sein erstes Buch "Nur keine Sentimentalitäten!" erschien 2010 bei Blessing.

Leseprobe

Unser Freund Olaf textet und zeichnet Comics. Wenn er Murks macht - und das kommt vor -, dann kann ich mich aufregen wie der Kaiser Augustus nach der Schlacht im Teutoburger Wald. Der obige Text stammt aber nicht von Olaf, sondern von Erika Fuchs. Erika Fuchs sagt, das da im Bild oben ist kein schäumendes Getränk, sondern Erdbeereis, also ist das so. Frau Fuchs war - nennen wir es einmal - optisch herausgefordert. Sie konnte nicht besonders gut sehen. Man kann spekulieren, dass für sie deshalb die Sprache Vorrang vor dem Bild hatte. Das Wichtige bei ihr war das Wort, und wenn es nicht zur Zeichnung passte, desto schlimmer für die Zeichnung. Erika Fuchs eine Übersetzerin zu nennen, ist eigentlich eine Beleidigung. Dann lieber noch Chefredakteurin. Das war sie zwar auch nicht, aber es klingt besser. Sie führte den Titel der Chefredakteurin der Zeitschrift Micky Maus seit August oder September 1951 und gab ihn laut Impressum erst 1988, als sie schon 81 Jahre alt war, an Dorit Kinkel ab. Die 1950erJahre waren die Zeit, als man noch meinte, die angloamerikanische Kultur, vor allem die populäre, germanisieren zu müssen, damit sie bei uns akzeptiert wird. Den damals noch recht jungen Charles usw. MountbattenWindsor nannte man Prinz Karl. Den Film Casablanca entnazifizierte man genauso wie meinen Opa. Auch die Micky Maus, die ab September 1951 im Stuttgarter Ehapa Verlag erschien, wurde scheinbar an den Geschmack der Leser oder ihrer Eltern, die das mit einem Preis von 75 Pfennig sündteure Heft subventionieren mussten, angepasst. In Wirklichkeit aber war alles ganz anders. So wie Luther eine neue Sprache für die Bibel schuf, so beschrieb uns Erika Fuchs das Leben, das Universum und den ganzen Rest in ihrem eigenen Idiom. Und wie im Buch Genesis kann man alles zusammenfassen mit den Worten 'Siehe da, es war sehr gut.' In Deutschland (plus Österreich und Schweiz minus DDR) waren die DisneyComics für fünfzehn, zwanzig Jahre sprachlich homogen Erika Fuchs übersetzte nicht, sie schöpfte neu. Wenn Erdbeereis fehlte, dann schöpfte sie eben Erdbeereis. Ich bin in einem kleinen oberhessischen Dorf am Rande des Vogelsbergs aufgewachsen. Zu meinen frühesten Erinnerungen zählt die an den Eismann, der im Sommer jeden Tag mit seinem Winzmobil angefahren kam. Er schwang seine Glocke, und ein paar Kinder aus der Nachbarschaft kamen zusammen. Die Kugel kostete zehn Pfennig. Ich bekam selbstverständlich immer eine Doppelportion, außer ich war gerade mit meiner geizigen Großmutter allein zu Hause. (Aber damit ist eine peinliche Geschichte verbunden, über die ich nicht reden möchte.) Die Auswahl beim Eismann war nicht groß: Vanille, Erdbeer und Schokolade. So war das damals. Vanille, Erdbeer und Schokolade, sonst nichts. Der gute Mann ist mit gerade einmal drei Sorten Eis über die Dörfer gefahren. Die Firma Coca-Cola hat in den USA bis 1955 nur ein einziges Getränk in einer einzigen Flaschengröße verkauft. Mit ihrer 'Übersetzung' hat Erika Fuchs die Sommer meiner Kindheit beschrieben. Erdbeereis ist Luxus. Ein Tag ohne Eis ist ein verlorener Tag. Und die Doppelportion ist alles, was wir vom Schicksal erwarten können. Erika Fuchs war ein Schoßkind des Glücks. Wenn man über ihre Biografie nachdenkt, dann kommt zwangsläufig der Zeitpunkt, an dem einen der grünäugige Eifersuchtsteufel mit der Wutessenz attackiert. Man beneidet sie um ihre Erfolge, aber man beneidet sie noch viel mehr darum, dass sie ihnen nicht hinterhergehechelt ist. Ein frühes Beispiel: Mit vierzehn, im Jahr 1921, setzte sie gegen viele Widerstände durch, dass sie in der pommerschen Kleinstadt Belgard, wo sie lebte, als erstes Mädchen das örtliche Knabengymnasium besuchen durfte. Dafür kann man sie noch bewundern. Schier unerträglich ist es aber, dass sie die Schule richtig genossen hat und es ihr überhaupt nichts ausmachte, mal schnell fünf Jahre Latein und zwei Jahre Griechisch nachzulernen. Da ist es doch ein wahrer Genuss, sie bei einem falschen Genitiv zu ertappen Leseprobe

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